Konzerte 2004 in Hannover und Lage

 

 

Lateinische Messe aus fünf Jahrhunderten

Der Bezirkschor des Kirchenbezirks Niedersachsen-Süd der Selbständigen Evangelsisch-Lutherischen Kirche, die Capella Nova, hat am Sonnabend, den 6. November 2004 in der St. Heinrich-Kirche in Hannover und am Sonntag, den 7. November 2004 in der Dorfkirche in Heiden bei Lage ein bemerkenswertes Konzert gegeben.

 

Aufmerksamkeit zog schon die Idee zum Programm „Lateinische Messe aus fünf Jahrhunderten" auf sich. Die Ausführung des Programms überzeugte wegen der Botschaft und der für Laienmusiker ungewöhnlich künstlerisch anspruchsvollen Gestaltung.

Mit Kompositionen, die zwischen 1570 und 1994 entstanden, erlebten die Zuhörer mit den Ausführenden eine Messe in einer ungewöhnlichen Zusammenstellung. Die feststehenden Stücke des Gottesdienstes wurden nicht nur aus den verschiedenen Epochen sondern auch aus den verschiedensten Herkunftsländern Europas in einem äußerst reizvollen Ablauf auf einem sehr hohen Niveau vorgetragen.

Die sehr gut gestaltete Programminformation, die jeder auf seinem Platz vorfand, enthielt nicht nur die Titel mit den Komponisten und ihren Lebensdaten. Der Teilnehmer an dieser Messe konnte ihr alle lateinischen Texte und ihre deutsche Übersetzung entnehmen, noch dazu sämtliche Mitwirkenden, einen Absatz über die Grundidee und Anmerkungen zu den einzelnen Werken.

Eine Bläsergruppe eröffnete mit dem Präludium Canzon Quarta von dem Italiener Giovanni Gabrieli, 1553/56? – 1612 und stimmte durch rhythmisch präzises Spiel mit sauberer Intonation, einleuchtend artikuliert und terassendynamisch stilsicher die Besucher ein.

Es folgte nicht ein bedeutender Kyrie-Ecksatz wie in sehr vielen Messevertonungen, sondern wie wohl in den meisten Gottesdiensten in der SELK ein Introitus. Der Eingangspsalm Beati quorum via von dem Iren Sir Charles Villiers Stanford, 1852 – 1924, ein spätromantisches Werk, deutet den Abschnitt des 119. Psalms dennoch ohne übertriebenes Pathos, sondern verströmt das Wohlergehen des Menschen, der sich nach Gottes Geboten richtet, in reizvoller Gegenüberstellung der Frauen- und Männerstimmen. Der Vortrag des a capella Chorsatzes von den dreißig Ausübenden ließ die Ausdruckskraft spüren, die in exakt geführter Disziplin ohne den Eindruck von Drill überzeugend alle Herausforderungen sicher beherrschte.

Das Kyrie von Johann Sebastian Bach, 1685 – 1750, ist der Lutherischen Messe in F-Dur entnommen. Mit Streichern und basso continuo weist der Satz noch eine Besonderheit auf: Eine Hornstimme intoniert über dem Chorsatz die Melodie des Agnus Dei, einem Satz am Ende einer Messe. Der Charakter des Kyrie nicht nur als flehentliche Bitte um Erbarmung sondern als Huldigung dem Herrn aller Herren steht so in guter Nachbarschaft zum Gloria in Excelsis.

Josef Gabriel Rheinberger, 1839 – 1901, komponierte das Gloria als Dialog zweier Chöre, die sich einander das Gotteslob zurufen und damit seine Herrlichkeit besingen. Die Schluss-Fuge "Cum sancto spiritu in gloria dei patris. Amen." vereinen sich beide Chöre zur gemeinsamen Anbetung. Der Chor überzeugte auch hier wieder mit sehr guter Intonation, die die romantischen Harmonien hervorragend zur Geltung brachten.

Ein Halleluja von Arvo Pärt, geboren 1935, Estland, ließ den Besucher hinhören. Denn nicht die Klangpracht eines ‚großen Halleluja’ sondern eine tiefe innere Freude war in zeitgenössischer Reibungs- und Auflösungsmotivik kombiniert mit mittelalterlichen Formen zu erleben. Von dem Schwierigkeitsgrad ließ der Chor wenig merken. Wie selbstverständlich schwebten die Dreiklänge im Raum der Kirche mit ihrem langen Nachhall.

Das Credo aus der fragmentarischen Missa brevis in C-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart, 1756 – 1791, bestätigte nicht das Vorurteil genialer leichter Muse der Musik Mozarts wie z.B. der Kleinen Nachtmusik. Der 17jährige Mozart deutet mit Stilmitteln, die noch deutlich der Barockzeit verpflichtet sind, den Text des Nicänischen Glaubensbekenntnisses kurz und bündig aus.

Das choralgebundene Zwischenspiel der Bläser Befiel du deine Wege von Dieter Wendel, geboren 1965, ist ein Werk, das man unbedingt in einer kammermusikalischen Umgebung oder in einer Kirche mit trockener Akustik hören möchte. In den beiden Kirchen dieser Konzerte hatte der Zuhörer nicht die Chance, alle Wege aller Stimmen wahrzunehmen. Obwohl die Bläser in der bewährten Weise akkurat und sauber musizierten, verschwammen die Linien zu einem diffusen Klang. So war das sicher nicht gemeint, mit einem Choral die Rolle der eine Messe feiernden Gemeinde zur Geltung zu bringen.

In Zoltán Kodálys Sanctus und Benedictus ist die Orgel dem Chor nicht nur gegenübergestellt sondern in eine Beziehung gesetzt, die eine Steigerung leise und aus tiefer Lage zum fortissimo das „Hosianna in der Höhe" auch musikalisch wörtlich nimmt. Das genaue Zusammenspiel der vom Chor entfernten Orgel und den Sängern war beeindruckend. Die exponierten Sopranstimmen waren auch in den extremen Höhen und bei der geforderten Lautstärke immer sehr gut in den Chorklang eingebettet.

Das Pater noster des Litauers Vytautas Miskinis, geboren 1954, war für mich unbestritten das Erlebnis des Abends. Es ragte nicht allein wegen seiner Modernität heraus, auch die Herausforderung, die das Werk an die Musizierenden stellt, ist erheblich. Zum Erlebnis wurde die Aufführung aber dadurch, mit welcher Präzision die Clusterakkorde und die minimalistischen rasch aufeinander folgenden Rhythmen quer durch alle Stimmen nicht nur bewältigt wurden, sondern sich zu einem Ausdruck des Herrengebets formten, der dem Hörer gar keine andere Möglichkeit ließ als jede einzelne Bitte mitzubeten.

Das Agnus Dei mit dem Dona Nobis Pacem dem Italiener Giovanni Pierluigi da Palestrina, 1525? – 1594, schloss die Messe mit einer Komposition aus dem Jahrhundert, aus dem auch das Präludium zu Beginn stammte. Die Bitte um Frieden ist aktueller denn je. Mit der vorangegangen Anbetung des Lammes Gottes ist sie kein ‚frommer Wunsch’ sondern weist weit über unsere irdischen Kriege hinaus in einen himmlischen Frieden, den die Welt nicht geben kann, der aber mit dem Lamm, Christus Jesus, Realität geworden ist.

Der anhaltend herzliche Beifall der Zuhörer stand zum Gottesdienstcharakter in keinem Gegensatz. Er bot vielmehr neben der Kollekte eine angemessene Möglichkeit, Gott und den Musikern für das Erlebte zu danken.

Messe, vom Wort her „Gehet hin", also die Entlassung, hat dem ganzen Gottesdienst seinen Namen und dem Konzert die Programmidee gegeben. Ich möchte die Entlassung als eine herzliche Einladung formulieren. Lieber Leser: Geh das nächste Mal hin! Diese beiden Konzerte hätten wirklich viel mehr Zuhörer verdient. Alle wären zu Teilnehmern eines Gottesdienstes geworden, der auf einem so außerordentlich hohen musikalisch künstlerischen Niveau der Botschaft Ausdruck verliehen hat, wie ich es in der 32jährigen Geschichte der Capella Nova noch nicht erlebt habe. Alle, die seinen Gründer Gebhard Wiegmann immer wieder schmerzlich vermissen, werden sich darüber freuen, was unter der Leitung von Carsten Krüger aus dem Klangkörper geworden ist.

Martin Damm, am Sonntag 14. November 2004